
Die Geschmacklosen
Gefühle sind Handelsware — flüssig, essbar, knapp. Myra ist eine der letzten Wildgeschmacker, lebende Quelle echter Emotionen und deshalb gejagt. Ihre Flucht endet in der Gilded Spire, wo die Luft nach nichts riecht. Dort wartet Kae: der Wächter, der ihre Gefühle ernten soll.
Band 1 von 3 · 25 Kapitel · deutschsprachig
Bei Amazon ansehenDie Geschmacklosen
Das Konsortium hat die Menschheit in zwei Kasten geteilt. Die „Leeren“ haben ihre Gefühle verloren und leben in steriler Sicherheit. Die „Wildgeschmacker“ sind die letzten Quellen echter Emotionen — und werden dafür gejagt und ausgepresst.
Myra ist eine der letzten ihres Clans. Im Rostgürtel sammelt sie illegal wilde Gefühle, um zu überleben, bis die Wächter des Konsortiums sie enttarnen. Ihre Flucht endet in der Gilded Spire: weißer Stein, gefilterte Luft, nichts, was nach irgendetwas riecht. Dort trifft sie auf Kae, den Wächter, der ihre Gefühle ernten soll.
Kae ist darauf gebaut, nichts zu empfinden. Doch als er Myra berührt, spürt er eine Resonanz, die seine ganze Existenz infrage stellt. Zwischen verbotener Anziehung und dem drohenden Verlust ihrer Identität steht Myra vor einer unmöglichen Wahl — und die größte Gefahr ist am Ende nicht das Konsortium, sondern die Wahrheit darüber, wer sie ist.
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Leseprobe
Der Anfang des Buches — ohne Anmeldung, ohne Umweg.
Das Vial zitterte in Myras Hand. Nicht vor Kälte, sondern vor der vibrierenden, fast hörbaren Aggression, die in der violetten Flüssigkeit gefangen war. Ein Druck drängte durch das Polymer, presste gegen ihre Fingerspitzen wie ein lebendes Tier, das aus der Haut ausbrechen wollte.
Vor ihr stand der Käufer, ein Mann aus der Gilded Spire. Seine Haut war so glatt und makellos, dass sie Myra an die Oberfläche von frisch gegossenem Plastik erinnerte. Der Geruch von Sterilität und Seife wirkte in der feuchten Schwere des Rostgürtels wie ein Schrei. Seine kalten, berechnenden Augen fixierten das Vial, dann ihre Augen.
„Wie ist die Haltbarkeit?“, fragte er.
Seine Stimme war flach, entkernt, das Fleisch einer überreifen Frucht, die schon zu lange im Schatten lag. Myra schluckte den aufsteigenden Geschmack ihrer eigenen Angst hinunter. In dieser Welt war Angst keine abstrakte Idee; sie war eine Substanz mit einer bestimmten Viskosität. Kälte und feuchter Ton klebten an der Innenseite ihrer Rippen, eine Angst, die die Membran zu sprengen drohte, wenn ihre Konzentration nachließ. Sie presste die Lippen zusammen, um den metallischen Beigeschmack zurückzuhalten, der ihr auf die Zunge stieg.
„Drei Tage“, antwortete Myra.
Ihre Worte waren kurz, trocken, ohne jede Modulation. Sie hielt seinen Blick aus, ohne zu blinzeln, obwohl ihre Augen brannten.
„Danach setzt die Sedimentation ein. Der Geschmack wird bitter. Es schmeckt nach Leere.“
Er nickte, als hätte er erwartet, dass sie diese Warnung ausspräche. Seine Augen glitten über das Vial, dann zurück zu ihrem Gesicht. Er zückte ein Bündel Krediten, dünn wie Pergament, und legte es neben das Vial. Das Papier raschelte leise, ein trockenes Geräusch, das in der feuchten Stille der Gasse unangemessen laut wirkte.
Myra griff nach dem Geld, aber ihre Finger zitterten. Das war der Preis. Jeder Verkauf löste einen Mechanismus aus, der tiefer in ihrem Körper wirkte als jeder Deal. Sie fühlte, wie ihre eigene Angst, die sie mühsam unter der Oberfläche gehalten hatte, zu fluktuieren begann. Sie verkaufte ihre Emotionen nicht, weil sie arm war, sondern weil sie den Kontakt zu ihnen nicht ertragen konnte, wenn sie nicht in einem geschlossenen System waren. In der offenen Welt waren Gefühle chaotisch, unberechenbar, sie spritzten um sich wie eine brennbare Flüssigkeit. In der Flasche waren sie sicher. Berechenbar. Ware.
Hier bricht die Leseprobe ab.
Die Geschmacklosen
- Die Geschmacklosen
- Die Bittere Wahrheit
- Der volle Geschmack
Was rund um dieses Buch geschrieben wurde.
Gilded Spire, Rostgürtel, Extraktor: die fünf Regeln der Welt von „Die Geschmacklosen“ — und warum Emotionen hier eine Ware mit Lieferkette sind.
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