
Die Bittere Wahrheit
In der Kristallstadt Aroma ist Myra ein Phantom — ein Wesen ohne Geschmack, das im Schatten der Extraktionstürme überlebt. Als Kae sie bei einem illegalen Handel im Bittermarkt erwischt, erkennt er in ihr den Schlüssel zu einem Geheimnis, das das Konsortium seit Generationen hütet.
Band 2 von 3 · 28 Kapitel · deutschsprachig
Die Bittere Wahrheit
In der Kristallstadt Aroma ist Myra ein Phantom: ein Wesen ohne Geschmack, das im Schatten der Extraktionstürme überlebt. Als der Wächter Kae sie bei einem illegalen Handel im Bittermarkt erwischt, bricht die Ordnung, an die beide geglaubt haben, in sich zusammen.
Kae, gefangen in seiner eigenen Kälte, erkennt in Myra nicht nur eine Verletzte, sondern den Schlüssel zu einem Geheimnis, das das Konsortium seit Generationen vor der Welt verbirgt. Gemeinsam müssen sie durch die toxischen Gassen des Grauen Rings und die sterilen Höhlen der Macht, um die Wahrheit über das Aroma zu finden.
Doch je näher sie der Quelle kommen, desto klarer wird: Die bittere Wahrheit ist nicht nur Gift für die Seele, sie ist die Waffe, die ihre Liebe zerstören wird. Kae muss seine Rüstung ablegen, Myra muss lernen, dass Bitterkeit keine Schwäche ist, sondern ihre stärkste Waffe. Und als die Große Destillation beginnt, steht sie vor der letzten Wahl: sich auflösen, um die Welt zu retten — oder ihre wahre Natur entfesseln und den einzigen Menschen verlieren, den sie je geliebt hat.
- eBook1,99 €Erscheint am 04.09.2026 · deutsche Originalausgabe
Leseprobe
Der Anfang des Buches — ohne Anmeldung, ohne Umweg.
Der Händler polierte die Kapsel, als würde er eine Waffe schärfen. Sein Daumen strich über das transparente Glas, in dem eine einzelne, leuchtend gelbe Träne schwebte. Zitrus. Der Geruch von Sommer, den Myra seit drei Jahren nicht mehr gespürt hatte.
„Fünf Credits“, sagte er. Seine Stimme war ein trockenes Rascheln, wie Sand, der über Stein geschliffen wird. „Oder eine Erinnerung.“
Myra spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog, ein leerer, kalter Hohlraum. In Aroma, der Stadt der Kristalle und der extrahierenden Türme, war nichts so wertvoll wie das, was im Kopf geschah. Die Konsortium-Ärzte im Weißen Feld hatten ihr erklärt, dass ihr Nervensystem die komplexen Aromen der Welt nicht mehr filtern konnte. Für sie war die Realität ein steriles Labor. Ihre Zunge tot. Ihre Sinne taub. Sie war eine der Geschmackslosen, eine Mutantin, die man in die grauen Gassen des Bittermarkts geworfen hatte, wo die Luft nach altem Eisen und verdünntem Öl schmeckte – ein Geschmack, den nur sie nicht wahrnahm, der aber in ihrer Kehle wie Gift saß.
„Nur drei“, sagte Myra. Ihre Stimme war flach, ohne die melodische Schwankung, die die anderen Menschen hatten. Sie zählte die Münzen hervor, abgegriffene Scheiben, die nach Metall rochen.
Der Händler griff nach dem Geld, dann hielt er inne. Seine Finger, schmutzig und lang, legten die Münzen auf die Theke. „Die sind gefälscht, Myra.“
Sie erstarrte. Er kannte ihren Namen. In Aroma war jeder bekannt, besonders die Ausgegrenzten. Die Schatten unter dem grellen, flackernden Neonlicht bewegten sich, als würde der Raum atmen.
„Nur Wasser. Nur Luft. Nur ich“, flüsterte sie. Es war ein Diebstahl. Ein Verbrechen, das im Weißen Feld mit der Löschung der Muttersprache bestraft wurde. Mit dem Streichen des Namens.
Sie drehte sich um. Ihre Beine waren schwer, als wären sie aus Blei gegossen. Sie musste die Kapsel jetzt öffnen. Jetzt. Sie konnte nicht warten, nicht riskieren, dass die Wächter sie fingen. Wenn sie gefasst wurde, würde man sie scannen. Ihre Erinnerungen an Poppy, an Alva Sol, an die Tage, als sie noch chemische Mischungen in der kleinen Kammer über der Werkstatt hergestellt hatten, würden gelöscht werden. Poppy lag zu Hause, in ihrem Stillen, ihre einst hellblauen Augen zu trüben Flecken geworden. Ohne sensorische Stimulation zerfiel das Nervensystem. Poppy konnte nicht mehr essen, nicht mehr trinken. Nur noch Wasser schlucken, das schmeckte wie nichts.
Myra hatte geschworen, ihre Schwester zu retten. Auch wenn sie dafür ihr eigenes Nichts opfern musste.
Hier bricht die Leseprobe ab.
Die Geschmacklosen
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