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Myra und Kae: die Figuren von Die Geschmacklosen

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„Die Geschmacklosen“ stellt zwei Menschen gegenüber, die im selben Verfahren an verschiedenen Enden stehen: Sie ist das Produkt, er ist der Mechaniker. Das ist im Buch wörtlich so formuliert, und es ist die kürzeste Beschreibung dieses Romans, die man geben kann.

Myra: sie verkauft ihre Gefühle stückweise

Myra ist Wildgeschmackerin — sie trägt echte, ungefilterte Emotion in sich, und genau das macht sie zum Rohstoff. Im Rostgürtel verkauft sie, was sie fühlt: Wut an einen Käufer, Angst an den nächsten. Es ist Broterwerb, nicht Rebellion. Ihre Ausgangslage ist damit nicht heroisch, sondern zynisch pragmatisch, und das nimmt der Figur jede Erlöserpose.

Was sie interessant macht, ist die Frage, wie viel man von sich verkaufen kann, bevor nichts mehr übrig ist. Das Buch beantwortet sie nicht theoretisch: Es zeigt, wie in der Stille dessen, was Myra ist, etwas zu verdampfen droht. Ihre Entwicklung geht nicht von schwach zu stark, sondern von verkaufen zu behalten.

Kae: gebaut, um nichts zu empfinden

Kae ist Wächter des Konsortiums und beaufsichtigt die Extraktion. Das Buch zeichnet ihn nicht als kalten Bösewicht, sondern als jemanden, dessen Sprache selbst schon Vermeidung ist: Er baut seine Sätze aus Nebensätzen, die sich vor der direkten Aussage drücken. Wenn er ganz in seiner Rolle ist, ist jede Menschlichkeit aus seiner Stimme herausgefiltert — dasselbe Wort, mit dem das Buch die Luft in der Gilded Spire beschreibt.

Der Riss beginnt bei einer Berührung. Was er dabei spürt, ist keine romantische Erleuchtung, sondern eine Resonanz, ein tiefer, dumpfer Druck im Brustkorb, der mit jedem Herzschlag pulsiert — dieselbe physische Sprache, die das Buch für Maschinen benutzt. Sein Konflikt ist entsprechend unbequem: Wenn er fühlt, ist er defekt.

Die Gegenseite: Grausamkeit ohne Größenwahn

Die Figur, die dem Konsortium in diesem Band Gesicht gibt, arbeitet ohne Pathos. Ihr Lächeln klingt im Buch wie das Knacken brechender Knochen, ihr Lachen ist trocken und staubig und verstärkt den Geschmack von Asche in Myras Mund. Sie triumphiert früh und verliert spät, und in dem Moment, in dem sie verliert, gibt es dafür keinen Ausdruck in ihrem Gesicht, den Myra zuordnen könnte.

Das ist die interessantere Sorte Antagonismus: keine Weltherrschaftsrede, sondern jemand, der ein Verfahren durchsetzt und Freude daran hat.

Und die Leeren: die dritte Partei

Zwischen den beiden Fronten stehen die Leeren — Menschen, die ihr eigenes Gefühl durch fremdes ersetzt haben. Sie sind im Buch keine Statisterie, sondern eine echte Bedrohung: Sie formen Kaes Körper nach, nehmen seine Augen, kopieren seine Mimik. Die Resonanz, die aus den Wänden sickert, ist ihre. Damit hat der Roman einen Gegner, den man nicht besiegen kann, weil er kein Ziel hat — nur einen Zustand.

Warum die Konstellation trägt

Myra braucht Zugang, den nur Kae hat. Kae braucht ein Gefühl, das nur Myra noch besitzt. Beides ist dasselbe Verfahren, nur aus zwei Richtungen — und deshalb ist jede Annäherung zwischen ihnen zugleich eine Extraktion. Der Kuss im Buch ist kein sanfter, sondern ein Zusammenstoß: das rohe Bedürfnis, die eigene Leere mit etwas anderem zu füllen. Eine Liebesgeschichte, in der Nähe technisch dasselbe ist wie Ausbeutung, hat eingebaute Spannung. Sie muss sie nicht behaupten.

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