Romantasy
Cover: Die Stille dazwischen

Die Stille dazwischen

In der Gitterstadt ist Vergessen eine Tugend. Als ein Fremder durch den Nebel bricht und in Serennes versiegelte Welt fällt, spürt sie das Einzige, was hier verboten ist: Wärme. Jenseits des Nebelbruchs liegen die Traumgärten — und die Verwaltung führt sie als Fehler im System.

Band 3 von 4 · 30 Kapitel · deutschsprachig

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Band 3 von 4 · Termin steht

Die Stille dazwischen

Romantasy

Die Traumgärten sind kein fremdes Land. Die Verwaltung führt sie als **Fehler** — was nicht in die Ordnung passt, wird nicht bekämpft, sondern als Defekt verbucht. Serenne war also nie in einem verbotenen Reich. Sie war in einer Störung.

Was in dieser Welt verfällt, verfällt lautlos: Während Eisen rostet und Kupfer die Haut grünlich färbt, hat Quecksilber für die meisten Menschen keinen Geruch. Man sieht es erst an den Kanten der Fliesen, die es angreift. Und die Wege dort werden nicht gebaut: eine Brücke aus verwobenen Ästen beugt sich unter dem Gewicht und hält trotzdem, weil sie aus dem Chaos geboren ist.

Der Vorwurf, der sie trifft, dreht die Schuldfrage um. Nicht dass sie draußen war, wird ihr vorgehalten, sondern zwei Worte: „Du hast gelöscht.“ In einer Welt, in der Vergessen der Normalzustand und Löschen ein Dienst ist, ist das die schwerere Anklage.

30
Kapitel
90.037
Wörter
6:00 h
Lesezeit ∅
  • eBook1,99 €Erscheint am 12.09.2026 · deutsche Originalausgabe
Das Buch

Leseprobe

Der Anfang des Buches — ohne Anmeldung, ohne Umweg.

Der Geruch von Quecksilber unterscheidet sich von dem anderer Metalle. Während Eisen rostet, Blei langsam unter der Zunge schmilzt und Kupfer die Haut grünlich färbt, besitzt Quecksilber keinen eigentlichen Geruch, zumindest nicht für die meisten Menschen. Für Serenne Valois roch es nach vergessenen Tagen, nach dem Moment, in dem eine Mutter das Gesicht ihres Kindes zum letzten Mal erkannte, bevor die Stille es glattstrich. Viskosität, widerstrebende Zeit und Flüssigkeit, die den Boden unter sich selbst auflöste, statt in Form zu gehen.

Sie stand an der Werkbank im Zentrum des Archivs der Stille. Um sie herum erstreckte sich die Kathedrale der Ordnung: Regale, die sich bis zur Decke erhoben und aus einer grauen, matten Substanz bestanden, die weder Metall noch Stein war, sondern eine Art verdichtetes Schweigen. In jedem Fach lagen Pergamente, doch diese trugen keine Schrift. Sie waren blank, weiß und leer. Oder besser gesagt: Sie waren voll, aber die Information war so dicht gepresst, dass sie für das menschliche Auge unsichtbar wurde. Nur die Archivarin konnte sie lesen und extrahieren.

Serenne hielt das Archiv-Messer in der rechten Hand. Das schmale Glaswerkzeug besaß eine Kante, die nicht schnitt, sondern das Gedächtnis vom Träger trennte. Am Vormittag war es ein älterer Mann gewesen, der behauptete, er erinnere sich an einen Traum, in dem er fliegen konnte. Sein Gehirn war ein chaotisches Durcheinander von Asymmetrien, von unregelmäßigen Kurven, die die perfekte Symmetrie der Gitterstadt bedrohten. Serenne hatte den Traum extrahiert. Ein versiegelter Kolben stand auf der Bank vor ihr, darin eine silberne Tröpfchenflüssigkeit, die träge rotierte, als hätte sie ein eigenes Herz.

Die Stille in Thornwick war kein Zustand, sondern eine Architektur. Jede Straße, jede Fassade, jeder Atemzug der Bürger folgte einem Raster. Alles war gerichtet, alles war berechenbar. Die Traumgärten jenseits des Nebelbruchs waren dagegen ein Fehler im System. Sie wuchsen nicht in Reihen, kletterten nicht in Gittern, sondern verdrehten sich und parasitierten auf der Struktur der Welt selbst. Die Stille diente dazu, diese chaotische Organik fernzuhalten. Sie war das Gift, das das Unkraut tötete, indem sie den Boden austrocknete, die Feuchte entzog und die Möglichkeit des Wachstums eliminierte.

Hier bricht die Leseprobe ab.