
Die Fugenfrau
Ysandre ist die letzte Fugenfrau, die eine zerbrechende Welt zusammenhält. Doch ihre Rettung liegt in den Händen von Emeric, einem Mann der kalten Elite, der ihre Magie nur als Werkzeug sieht. Zwischen Liebe und Verrat muss sie entscheiden, ob ihre Bindung sie rettet oder endgültig zerstört. Eine düstere Romantasy über Struktur, Entropie und den Preis der Perfektion.
Einzelband · 35 Kapitel · deutschsprachig
Die Fugenfrau
In einer Welt aus schwebenden Steinkomplexen, die nur durch den goldenen Mörtel der Fugenfrauen zusammengehalten werden, ist Ysandre Bramwell die letzte ihrer Art. Als die Sprengung beginnt und die Risse die Metropole Kavrada zerreißen, muss sie eine Allianz mit Emeric Vael eingehen, einem Mann aus der kalten Elite der Glatten, der ihre Magie als Waffe missbrauchen will. Doch während sie die Fugen repariert, um die Welt am Zerfallen zu hindern, zerbricht ihre eigene Seele an der Kälte seiner Berührung. Zwischen dem Knirschen des sterbenden Steins und dem Flüstern der Entropie muss Ysandre entscheiden: Ist die Bindung, die sie zu Emeric fühlt, der letzte Mörtel, der sie zusammenhält, oder der Riss, der sie endgültig sprengt? Eine düstere, atmosphärische Romantasy über Liebe als Struktur und Verrat als Entropie.
- eBookDeutsche Originalausgabe · Erscheinungstermin steht noch nicht fest
Leseprobe
Der Anfang des Buches — ohne Anmeldung, ohne Umweg.
Der Riss schrie nicht. Er knirschte. Ein tiefes, tektonisches Reißen, das Ysandre in den Knochen spürte, als wäre ihr eigenes Skelett Teil des Gesteins, das jetzt unter der Last brach. Sie presste die Finger in die Öffnung, den Daumen gegen die raue Kante des Schiefers, während sie den goldenen Mörtel aus ihrem Inneren zog. Die Substanz war warm, beinahe zu heiß, und roch nach altem Kalk und frischer Angst. Es war kein Zauber. Es war eine Operation. Sie griff in die Wunde der Welt, entnahm Material aus ihrem eigenen Blut, aus der Energie ihrer Lungen, und presste es in die Lücke, wo der Himmel drohte, durch den Stein zu fallen.
Ihre Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Vor der Schwerkraft.
„Traglast gibt nach“, murmelte sie. Keine Bitte. Eine Feststellung. Sie sah, wie der goldene Faden, den sie spinnt, dünner wurde, als würde jemand an ihm ziehen. Der Stein um sie herum atmete. Ein langsames, anstrengendes Heben und Senken, das die Luft in den Lungen drückte. Staub regnete vom Gewölbe, feine Kalkpartikel, die sich auf ihre Haut setzten wie Asche. Der Geruch war trocken, aufdringlich, und er wischte jeden anderen Gedanken aus ihrem Kopf, bis nur noch das Knirschen und der Schmerz in ihren Schultern blieben.
Eine Ebene tiefer, auf dem Gerüst der Kavrada, hörte sie das Schreien. Kein Schrei des Todes, sondern der Überraschung. Jemand war von einem Balken gefallen. Oder besser: Jemand hatte den Halt verloren. Die Schwerkraft war hier nie eine Konstante gewesen. Sie war eine Laune der Steine. Wenn die Fugen schwächelten, veränderte sich die Masse. Was oben lag, zog unten nach.
Ysandre riss ihre Hände vom Riss zurück. Der goldene Mörtel blutete am Rande, ein feiner, leuchtender Faden, der in der Luft schwebte und sofort verdampfte. Ihre Finger waren fleckig, verkrustet mit dem goldenen Puder, das sich in die Poren gebohrt hatte. Sie starrte auf ihre Hände. Sie zitterten noch. Die Stabilität in ihrem Brustkorb war weg. Sie fühlte sich hohl an, als hätte man die Knochenmarkkanäle ihrer Rippen ausgehöhlt und sie mit nichts gefüllt.
Sie musste hinunter.
Die Leiter war aus rostigem Eisen, das in die Steinwand gebohrt war. Ysandre klemmte den Fuß in eine Sprosse und ließ sich hinab, ihre Beine spannten sich an, die Muskeln schrien, als der Stein unter ihren Füßen knirschte. Die Luft wurde dicker, schwerer. Sie roch nach Metall und Schweiß. Als sie das Gerüst erreichte, sah sie Thessa Vark.
Hier bricht die Leseprobe ab.