
Der Spiegel des Zorns
Vergeltung ist einfach. Gerechtigkeit ist es nie. Zwischen beidem steht ein Mann, der geglaubt hat, er wüsste, auf welcher Seite er steht.
Band I · 284 Seiten · 76.883 Wörter
eBook bei AmazonDer Spiegel des Zorns
Ein zerbrochenes Reich. Ein Krieg, der auf Lügen gebaut ist. Und ein Mann, der lernen muss, dass Vergeltung und Gerechtigkeit selten dasselbe sind. Der Auftakt einer Chronik über Schuld, Rache und den Preis der Wahrheit — und darüber, wie aus einem schmutzigen Krieg eine saubere Heldengeschichte gemacht wurde.
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Leseprobe
Der Anfang des Buches — ohne Anmeldung, ohne Umweg.
Erlenhain hatte nie einen Grund gegeben, sich zu fürchten.
Es lag dort, wo das imperiale Kernland allmählich auslief wie ein Fluss, der sich in zu viele kleine Arme verzweigte, um noch als Strom zu gelten – ein paar Dutzend Höfe, ein Brunnen aus grauem Stein, eine Mühle, deren Rad seit drei Generationen derselben Familie gehörte und dessen Knarren man nachts hören konnte, wenn der Wind günstig stand. Im Spätsommer lag der Geruch von geschnittenem Stroh über den Feldern, dazu das Bellen der Hofhunde, wenn ein Fremder den Weg entlangkam, und das Rufen der Mütter, die ihre Kinder zum Abendessen ins Haus holten, bevor die Mücken zu beißen begannen. Wer aus Corvanheim kam – was so gut wie nie geschah –, hätte den Ort keines zweiten Blickes gewürdigt. Genau das war der Grund gewesen, warum sich die kleine Familie am Rand des Dorfes vor ein paar Monaten niedergelassen hatte: weit genug vom Hof entfernt, um vergessen zu werden, nah genug am Kernland, um nicht aufzufallen.
Der Hof, den sie bewohnten, unterschied sich äußerlich in nichts von den anderen. Ein niedriges Steinhaus mit Strohdach, ein Stall für zwei Ziegen und ein Pferd, ein Feld, das im Spätsommer honigfarben stand und das der Mann des Hauses mit einer Sorgfalt bestellte, die beinahe zu genau war für jemanden, der das Handwerk erst seit Kurzem betrieb. Wer genauer hinsah, hätte vielleicht bemerkt, dass seine Hände, wenn er die Garben band, zu glatt waren für einen Bauern, dass sich unter den Schwielen, die er sich in wenigen Monaten mühsam zugelegt hatte, noch die Blässe eines Mannes verbarg, der sein halbes Leben mit einer Feder statt mit einer Sichel verbracht hatte. Dass seine Haltung sich nicht ganz abgewöhnen ließ, dieser gerade, kontrollierte Rücken, egal wie tief er sich über die Erde beugte. Aber in Erlenhain sah niemand genauer hin. Das war der Sinn der Sache gewesen.
Hier bricht die Leseprobe ab.
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